David-Octavius-Hill-Medaille und Kunstpreis der Stadt Leinfelden-Echterdingen 2012

Gabriele & Helmut Nothhelfer

Hansi Müller-Schorp

Die Deutsche Fotografische Akademie e.V. (DFA) verleiht im Jahr 2012 die Octavius-Hill-Medaille an Gabriele & Helmut Nothhelfer sowie an Hansi Müller-Schorp. Diese Ehrung ist verbunden mit dem Kunstpreis der Stadt Leinfelden-Echterdingen, der mit 5000.- Euro dotiert ist. Das Preisgeld wird auf die beiden PreisträgerInnen verteilt.

Hansi Müller-Schorp erhält die Auszeichnung für ihren Beitrag zur Sachfotografie der 50er und 60er Jahre, sowie für ihr langjähriges Engagement in der Deutschen Fotografischen Akademie. Das Berliner Fotografen-Paar Gabriele und Helmut Nothhelfer steht seit Jahrzehnten für eine besondere Art der dokumentarischen Menschen-Fotografie im öffentlichen Raum. Sie haben damit ein sehr genaues mentales Porträt der Bundesrepublik Deutschland geschaffen. Beide Preisträger werden mit Ausstellungen geehrt. Ausgewählte Arbeiten von Gabriele und Helmut Nothhelfer sind in der Galerie Altes Rathaus Musberg zu sehen, Bilder von Hansi Müller-Schorp im Stadtarchiv Leinfelden-Echterdingen.

Solitäre in der Fotografie: Die Nothhelfers

Laudator Prof. Klaus Honnef
über die Preisträger Gabriele & Helmut Nothhelfer

Gabriele & Helmut Nothhelfer sind Solitäre in der fotografischen Landschaft. Zwar finden sie ihre Motive auf der Straße, seit Jahrzehnten ausschließlich in Berlin. Doch sie sind keine Straßenfotografen. Zwar suchen sie gerne öffentliche Veranstaltungen auf. Doch die liefern nur den Anlass, besondere Menschen zu fotografieren. Die besonderen Menschen sind keine Stars oder Prominente mit geringem Halbzeitwert – es sind Menschen, die eigentlich keine besondere Rolle spielen und nicht besonders auffallen. Sie haben sich auf Straßen, Plätze und in Hallen begeben, weil öffentliche Veranstaltungen sie angelockt haben.

Es sind die namenlosen menschlichen Subjekte, die eine Menge bilden. Die Nothhelfers erkennen sie in der Menge und wählen sie aus. In ihren Bildern verleihen sie ihnen eine unvergleichliche Individualität. Ihre Bilder sind im Kern Bildnisse; doch Porträts, die den herkömmlichen Rahmen der Gattung erweitern und zugleich untergraben. Zeugnisse sorgfältiger und geduldiger Beobachtung, Bilder im „dokumentarischen Stil“, wie Walker Evans ihn definiert hat, und die Essenz einer ungeheuer (selbst)-kritischen Auswahl. Nie drängt sich betontes Kunstwollen auf – die fotografierten Menschen geben den Bildern die einzigartige ästhetische Intensität.

Die Nothhelfers zeigen sie weder als Repräsentanten eines Sozialtypus noch im dramatischen Hell-Dunkel vordergründiger Psychologisierung. Sie vergegenwärtigen sie vielmehr in den langen Augenblicken, wo sie ganz bei sich sind. Das numerisch schmale Werk hat fotografische Maßstäbe errichtet. Erst im Rückblick von über vierzig Jahren Arbeit stellt man zugleich fest, dass die Nothhelfers ein sehr genaues mentales Porträt der Bundesrepublik Deutschland während einer Zeit tiefgreifenden Wandels geschaffen haben. Im künstlerischen Range ist es dem epochalen Menschen-Atlas von August Sander über das Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenbürtig.

Unsere Photographien sind nicht arrangiert und inszeniert, um eine Geschichte zu erzählen, die wir uns vorher ausgedacht hätten. Dennoch scheint uns, daß die Konstellationen, die der Zufall auf ihnen zustande brachte, nicht stumm sind. Doch die Geschichten, von denen sie zu erzählen scheinen, sind nicht so eindeutig, daß sie sich leicht in Worte fassen ließen.

Am 2.Juni 1974 besuchten wir mit unserem Photoapparat das Pfingstkonzert, das in Berlin alljährlich im Zoologischen Garten stattfindet. Drei Bilder auf dem Film, der an diesem Tag belichtet wurde, machten uns das Zentrum deutlich, um das unsere Bilder in jener Zeit gravitierten, ohne daß wir uns bis dahin Rechenschaft darüber gegeben hatten: die entfremdete Freizeit. Eines dieser Bilder war die „Dame beim Pfingstkonzert“.

Doch auch von uns gab es ein Bild auf diesem Film: Ein Fremder, der uns photographieren sah, hatte uns gefragt, ob wir nicht auch gern ein Erinnerungsphoto haben wollten. Wir gaben ihm unseren Apparat, und er machte ein Bild. Uns scheinen die etwas unbedarften jungen Gesichter jetzt weit entfernt, sehr klein, wie durch ein umgekehrtes Fernrohr gesehen. Gabriele & Helmut Nothhelfer, Berlin im März 1992

Mutter und Tochter auf dem Oktoberfest in Eichkamp, Berlin 1974

Familie am "Tag der offenen Tür" der US-AIR-Force auf dem Flugfeld Tempelhof, Berlin 1975

Dame beim Pfingstkonzert im Zoologischen Garten, Berlin 1974

Gabriele und Helmut Nothhelfer, Berlin 1974

Hansi Müller-Schorp

Die Dinge des Alltags fügen sich unter der Regie von Hansi Müller-Schorp in ausgefeilten Arrangements zu formvollendeten Kompositionen zusammen.

Es entstehen Sachaufnahmen von klassischer Schönheit. Die Kunst der Lichtführung, die den Gegenständen ihre Form gibt, hatte sie in ihrer fotografischen Ausbildung bei Willi Moegle, einem der stilistisch ausgefeiltesten Fotografen der Aufbaujahre in der Bundesrepublik Deutschland erlernt. Die bis ins letzte Detail entwickelte Perfektion seiner Arbeiten spiegelt sich auch in ihren Bildwelten wieder. Die Strenge der sachlichen Darstellung löst sich in ihren Arbeiten jedoch auf und gibt den Dingen Raum für ein spielerisches Eigenleben. In ihrer poetischen Abstraktion stimuliert sie die Phantasie des Betrachters.

Ihr Wille, den Dingen eine Schönheit zuentlocken, macht nicht Halt vor den banalsten Alltagsutensilien, wie z.B. Drahtbügeln aus einer Chemischen Reinigung.

Wenn sie diese durch subtile Farbgebung ihre Formen- und Materialanmut entfalten läßt, macht sie deutlich, daß ihre Arbeiten den Akt der Wahrnehmung als kreativen Prozeß zum Ziel haben und nicht die Zelebrierung einer perfekten Warenästhetik.

„Seit fast 40 Jahren finden die Tagungen der Deutschen Fotografischen Akademie (bis 1993 Gesellschaft Deutscher Lichtbildner) alljährlich im Frühjahr in Leinfelden-Echterdingen statt und gelten seitdem als Teil des Kulturlebens der Stadt. Wir freuen uns sehr, der herausragenden Fotografin Hansi Müller-Schorp in Anerkennung ihrer Arbeit und vielfachen Verdienste diese Auszeichnungen zu verleihen“, so Laudator Axel M. Mosler, Geschäftsführer der DFA.

Von 1983 bis 2008 war Hansi Müller-Schorp für die Deutsche Fotografische Akademie als Vorstandsmitglied tätig und engagiert sich seit dieser Zeit bei der Organisation der Jahrestreffen in Leinfelden-Echterdingen. Die Berufungen in den Bund Freischaffender Foto-Designer, den Verband Bildender Künstler und den Deutschen Werkbund bezeugen die Anerkennung des mehrfach ausgezeichneten Schaffens von Hansi Müller-Schorp. Sie ist darüber hinaus Gründerin der Gruppe Fotografie und Film in der Gedok Stuttgart.

Teller und Löffel, 1980

o.T., 1987

Sichtbare Zeichen 82. Filderhalle im Rohbau, 1982

Hansi Müller-Schorp, Foto: Kurt Julius, 1981